Lindauer Zeitung vom 15. Juni 2015

"Wir sind gerne eine Dorfkapelle"


Im Musikverein Weißensberg gibt Sabrina Vetter als Dirigentin den Takt an

 

Bläsergruß: Der Musikverein Weißensberg ist ein alter, traditionsreicher Verein mit ausgesprochen vielen Jungen Mitgliedern.
FOTO WERNER GÜNTHÖR

 

Von Ruth Eberhardt

WEISSENSBERG (rue)
Der Musikverein Weißensberg ist ein sehr junger Verein. Er besteht zwar schon seit dem Jahr 1847. Doch rund 60 Prozent seiner derzeit 37 aktiven Musikanten sind, wie Vorsitzender Martin Steur schätzt, jünger als 25 Jahre. Und die älteren Mitglieder wirken oft schon seit 40 oder 50 Jahren in der Kapelle mit. Die Generation dazwischen fehlt weitgehend. Dieses Zusammenspiel von Jung und Alt hält Martin Steur für etwas Einzigartiges in seinem Verein. "Die Jungen spielen die traditionellen Stücke mit, und die Älteren die modernen Stücke." Zugleich bestehe eine gute Gemeinschaft zwischen den Generationen.

Dieses besondere Klima, meint Steur, habe wohl auch dazu geführt, dass Sabrina Vetter aus Oberteuringen zu Beginn dieses Jahres das Dirigentenamt im MV Weißensberg übemommen hat. Sie hatte den Musikverein als Aushilfsflötistin im Rahmen eines Jahreskonzertes kennengelernt. "Es hat ihr ganz gut bei uns gefallen", sagt Steur. Nun ist der MV Weißensberg im weiten Umkreis der einzige Musikverein, bei dem eine Frau den Taktstock führt. "Wir schätzen das sehr", sagt Steur.

Zudem bedeutet dies, dass der Musikverein Weißensberg nach fast zwei dirigentenlosen Jahren (mit Unterbrechung) wieder eine kontinuirliche musikalische Leitung hat. Zuvor hatte die Kapelle immer wieder Dirigenten zur Aushilfe. "Das hatte den Vorteil, dass wir viele Dirigenten kennenlernen durften. Weil man sich auf jeden neu einstellen muss, waren die Musiker beim Spiel auch konzentrierter", sagt Martin Steur. Der Nachteil allerdings sei, dass eine gewisse Linie fehle.

Letztlich machte der MV Weißensbetg in dieser Zeit eine Erfahrung, der auch andere Kapellen in der Region immer wieder ausgesetzt sind. Martin Stern fasst dies so zusammen: ,,Einen Dirigenten zu finden, ist nicht einfach." Viel Dirigenten seien Profimusiker. Aber einem zu hohen Anspruch habe sich der Musikverein Weißensberg nicht stellen wollen. "Wir sind gerne eine Dodkapelle" sagt er. "Wir musizieren, weil's uns Spaß macht und weil wir Kameradschaft erleben wollen. Wir spielen Mittelstufe, wollen das Publikum unterhalten und die Freude, die wir auf der Bühne haben, rüberbringen wollen. Das gelingt uns ganz gut."

Natürlich tritt der Musikverein Weißensberg auch außerhalb auf. Hauptsächlich aber ist er bei Veranstaltungen in der eigenen Gemeinde zu erleben - beispielsweise beim Kinderfest ebenso wie bei kirchlichen Anlässen, beim Volkstrauertag ebenso wie beim der Siegerehrung im Armbrustschießen. "Für mich ist der Musikverein neben der Feuerwehr der wichtigste Verein in der Gemeinde. Er ist aus der Gemeinde nicht wegzudenken", sagt Bürgermeister Hans Kern. Denn die Kapelle gestalte das öffentliche Leben mit, sie immer präsent und der wichtigste Kulturträger in der Gemeinde. Auch die Jugendarbeit des Musikvereins sei ein wichtiger Beitrag fürs Gemeindeleben.

Eng verbunden mit Kapellen der Partnerorte
Als Einstieg bietet der Musikverein den Kindern Blockflötenunterricht an, danach geht's in die Instrumentalausbildung. In diesem Zusammenhang hebt Martin Steur auch die Zusammenarbeit mit der Grundschule Weißensberg hervor, in der es Bläserklassen gibt. Der Musikverein Weißensberg selbst wiederum „hat Glück, dass wir noch eine eigene Jugendkapelle haben." Für die ganze Gemeinde relevant ist auch das En gagement des Musikvereins für die Beziehungen mit der Partnergemeinde Andouille in Frankreich. Darüber hi naus unterhält der MV Wei ßensberg eine Partnerschaft zur Musikkapelle Rotkreuz in der Schweiz.

Eine weitere Besonderheit: Der MV Weißensberg hat seit 25 Jahren ein eigenes Musikheim. „Wir waren damit einer der ersten Musikvereine im Kreis, die von der
Gemeinde großzügig ein Probelokal zur Verfügung gestellt bekamen", er klärt Steur. Dieses Jubiläum wird der Verein am 9. August feiern.

Mit der „großzügigen Untergtützung der Gemeinde", wie Steur sagt, aber auch mit Hilfe der Spenden, unter anderem von Weißensberger Firmen und von den rund 175 passiven Mitgliedern, hat der Musikverein Weißensberg dieses Jahr einen weiteren „riesengroßen" Kraftakt vor: Er will seine Musikanten mit einer neuen Tracht einkleiden. Darin auftreten werden sie erstmals beim Jahreskonzert im Dezember.